Ein Ausflug in die Welt der philippinischen Kampfkünste: Trainerfortbildung in England
Wirbelnde Stöcke, Hebel, Tritte, Würfe und Schläge sind das Markenzeichen der philippinischen Kampfkünste. Sie werden häufig unter den Begriffen Arnis, Kali oder Eskrima zusammengefasst und sind hierzulande weniger bekannt als beispielsweise Judo, Karate oder Taekwondo. Für Kampfsportenthusiasten und Anhänger dieser ostasiatischen Form der Selbstverteidigung ist es daher oft schwierig, geeignete Trainer und Lehrer zu finden und meist sind weite Anreisen notwendig, um zu kämpfen oder zu trainieren.
Am vorletzten Märzwochenende ergab sich für mich die Gelegenheit in Kettering (England), Region Northemshire, an einem Seminar der philippinischen Kampfkünste teilzunehmen. Eingeladen hatte Andy Gibney (England), der neben Mo Teague (England) und Johan Skalberg (Schweden) das Trainerteam des „Three Ways" Wochenendes bildete. Das Training fand im Gym (Trainingshalle) von Gibney statt, der in den 1990er Jahren eine ehemalige Schuhfabrik für diese Zwecke umgebaut hatte.
Am späten Samstagvormittag standen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer pünktlich auf der Matte und warteten mit Spannung auf die erste Stunde. Ihre hohen Erwartungen sollten sich erfüllen. Denn mit der ersten Einheit von Johan Skalberg wurde schnell deutlich, aus welchem Holz der Schwede geschnitzt ist. Als ehemaliger, zweifacher Weltmeister im Vollkontaktstockkampf (Schwergewicht) und Mitbegründer des KALI/SIKARAN-Stils zeigte Johan Doppelstocktechniken, deren Schlagmuster später auf die waffenlosen Anwendungen übertragen wurden. Dynamik, Druck, Vielfalt und Schnelligkeit machen sein KALI/SIKARAN in Selbstverteidigungssituationen hoch effektiv. In späteren Einheiten vermittelte Skalberg Konzepte zur Abwehr von Messerangriffen – ein heikles Thema, da die Überlebenschancen in der Realität als sehr gering gelten.

Mo Teague legte seinen Trainingsschwerpunkt auf die Prävention und auf einfache Anwendungen in kritischen Gefahrensituationen. Als ehemaliger Elitesoldat der königlich britischen Infanterie (SAS) zeigte er einfache effektive Befreiungs- und Festlegetechniken ohne viel Firlefanz. Die am Samstag im Gym eingeübten Anwendungen und Routinen wurden einen Tag später in einem Pub unter realen Bedingungen vertieft.

Unter dem Hinweis, dass Gegenstände des Alltags hervorragende Mittel zur Verteidigung sind, wurde zwischen Tischen, Stühlen und Bänken der Ernstfall geübt. Teague gab Tipps, dass beispielsweise heißer Kaffee in das Gesicht eines Messerangreifers geschleudert oft wahre Wunder wirkt. Dass das Training Teagues und der anderen Coaches bei allen auf große Resonanz traf, merkte man schon alleine daran, dass die Pausen von vielen genutzt wurden, um Vermerke in die mitgebrachten Notizbücher zu schreiben.
Mit einer ordentlichen Portion trockenen britischen Humors gestaltete Andy Gibney seine Trainingseinheiten. Als Träger des 6.Meistergrads im Doce Pares Escrima und zweifacher Vizeweltmeister im Vollkontaktstockkampf zeigte Gibney in den ersten Trainingseinheiten Entwaffnungs- und Festlegetechniken mit dem Einzelstock.

Timing, Präzision und der richtige Griff sind notwendige Eigenschaften, um einen Gegner effektiv am Boden festzulegen. In seinen weiteren Einheiten widmete sich Gibney dem Jeet Kune Do, das er von seinem verstorbenen Coach Richard Bustillo, einem direkten Schüler von Bruce Lee, über Jahre gelernt hat. Im Jeet Kune Do (Weg der abfangenden Faust) geht es darum, dass die Schülerinnen und Schüler, sich individuell entwickeln und ihren eigenen Neigungen nachgehen. Einige bevorzugen Tritt- und Boxtechniken, andere spezialisieren sich beispielsweise lieber auf Würfe und Ringertechniken. Der Trainer oder Coach hat hier die Aufgabe zu unterstützen und auf dem Weg zu helfen.
Der Schwerpunkt in Gibneys Trainingseinheiten waren Drills aus dem Kali (Hubud-Drill) und aus dem chinesischen Wing Chun Kung Fu (Lop Sao), die die Vielfalt an Techniken fördern. Damit endete das Three-Way Seminar am späten Sonntagnachmittag in den Räumen von Gibneys Gym.
Unter den bewegenden Eindrücken von 16 Stunden Training machte ich mich auf den langen Nachhauseweg nach Deutschland. Die in Großbritannien erworbenen Taktiken und Strategien werden nun in das Curriculum und Training des CaliCoreConcepts sinnvoll eingefügt. Wer Interesse an Trainingsinhalten, Kursen oder Seminaren zur philippinischen Kampfkunst und Selbstverteidigung hat, kann sich gerne unter jan.kok@tvhangelar.de oder unter Tel.: 02241 – 1697945 (Anrufbeantworter) melden.
Jan Kok